Kann Gott beamen? oder Die Zeit des Zahns.

  • Als ich vor wenigen Jahren früh morgens am Arbeitsplatz in ein längliches Gebäck biss, war ich noch vollkommen in einem Urvertrauen auf die Aussage geborgen, dass der Zahnschmelz das härteste im ganzen Körper sei, vermutlich nahezu unzerbrechlich. Einen Moment später musste ich feststellen, dass einer meiner vorderen Zähne abgebrochen war. Der Zahn der Zeit und das Hebelgesetz hatten den Zahnschmelz besiegt. Einer der Momente, in denen ich schmerzlich ahne, dass es wirklich nichts Irdisches zu geben scheint, auf das ein Mensch auf Dauer bauen könnte.


    In dem abgebrochenen Zahnoberteil verankerte ein Zahnarzt einen Stift, mit welchem er das Zahnoberteil aufs Zahnchassie klebte, das Zahnoberteil saß nun weniger verlässlich im Zahn und funktionierte lange Zeit, bis sich der Zahnoberteil trotz Meidens langer Gebäckstangen wieder löste.


    Vor allem die nicht endende Folge von internen Programmierprojekten und Prüfungen meiner aktuellen Qualifikation hielt mich davon ab, einen Zahnarzt dazu zu veranlassen, den Zahn wieder festzukleben.


    Es kam, wie es kommen musste, während ich in meinem Flur vor einem Bücherregal stehend in einem Buch und in einem Ordner über die Programmiersprache Java las, den ich vor zwanzig Jahren zusammengestellt habe, war ich wohl leichtem Zug ausgesetzt, wandte mich um kurz ins Bad zu gehen. Irgendwann während dieses Vorgangs musste ich heftig niesen und kurz danach traf meine Zunge angelegentlich spontaner Bewegungen auf eine Zahnlücke.


    Es galt das entflogene Beißteil unbedingt wiederzufinden. Also bewaffnete ich mich mit einer beleuchteten Lupe und bewegte mich ganz Krone der Schöpfung auf niedrigem Niveau über den Boden. Deprimierend erfolglos.


    Klar war, dass es in Java vier Sichtbarkeitsstufen gibt; aber hatte ich erst im Bad, im Eingang zum Bad stehend oder knapp davor noch im Flur geniest? Die Default-Sichtbarkeit in Java war fast, aber nur fast gleich der Sichtbarkeit von als protected definierten Methoden, zweifellos; aber hatte ich im Flur geniest bevor oder nachdem ich mich zur Badezimmertür umgedreht hatte?


    Nach einiger Zeit lupenbewährter erniedrigter Suchaktionen habe ich getan, was viele Menschen tun, wenn sie keinen Durchblick mehr haben, ich habe zusätzlich zur Lupe ein Gebet eingesetzt. Da ich fest davon überzeugt bin, dass Gott Humor hat, und Ihn auch nicht allzu sehr langweilen möchte, lautete mein gebückt, mit der Lupe in der Hand innerlich gesprochenes Gebet etwa wie folgt:


    Zitat

    "Gott, mach, dass ich meinen Zahn wiederfinde, er ist für mich immens wichtig und es würde niemandem etwas verloren gehen, wenn ich ihn wiederhätte. Immerhin ist er ein Teil Deiner Schöpfung! Ich mache jedenfalls, auch wenn ich mir, was das Kleingedruckte angeht, gerade nicht sicher bin, den Reklamationsfall geltend. Wenn Du gerade nichts anderes zu tun hast, mach bitte, dass ich meinen Zahn wiederfinde, er ist für mich sehr kostbar und kaum zu ersetzen."


    Weiteres mehrmaliges kleinteiliges Gesuche im Bad mit der leuchtenden Lupe in Bad und Flur brachte keinen Erfolg. Flur und Bad sind recht klein, aber der Zahn noch viel, viel kleiner.


    Bei der letzten Suche in der gestrigen Nacht habe ich noch ein Gebet draufgesetzt, um Gott genügend zu unterhalten etwa so:


    Zitat

    "Gott, jetzt wäre wirklich ein guter Zeitpunkt für ein Wunder, es wäre klasse, wenn Du den Zahn jetzt vor meinen Augen materialisieren könntest. Hast Du eigentlich das Beamen schon erfunden? Es würde mich gerade sehr freuen, aber ich nehme auch jedes andere Zahnwunder."


    Heute Vormittag ging ich nach einer normalen flüssigkeitsregulierenden Verrichtung im Badezimmer in Richtung Flur den Blick zahnscannend auf den Boden gerichtet. Da lag er auf einer Badematte, bei der ich mehrfach mit der Lupe gesucht hatte.


    Ob es das zusätzliche Tageslicht oder der Blickwinkel war, weiß ich nicht. Kann ich den Zahn wirklich übersehen haben oder habe ich ihn unbemerkt irgendwie dorthin bewegt? Alles nicht mehr zu beantworten. Ob Gott beamen kann, ist für mich jedenfalls weiterhin eine ungeklärte Frage.

    "Prüft alles und, was gut ist,
    das behaltet. Aber was böse ist,
    darauf lasst euch nicht ein..."

    1. Thessalonicher 5, 21.22


    "Wähle das Leben, damit du lebst."
    5. Mose 30, 19

    3 Mal editiert, zuletzt von Daniels ()