Johannes 1,1: Gott oder EIN Gott?

  • 1.Tess.1
    9 Denn sie selbst verkünden über uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott, weg von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott
    10 und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns errettet von dem zukünftigen Zorn.
    Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
  • Gane MacShowan schrieb:

    Hallo!

    Ich möchte nochmal auf das eigentliche Thema dieses Threads zurückkommen. War das Wort "GOTT" oder "ein Gott"? Ich kenne keine haltbaren philologischen Gründe, welche für die gängige (von der lateinischen Übersetzung beeinflussten) Übersetzung sprechen. Wer doch welche kennt, kann sie hier ja posten. Die natürlichste und wörtlichste Übersetzung ist aus sprachlicher Sicht "...und das Wort war ein Gott" (was sinngemäß auf das Gleiche hinausläuft wie "...und das Wort war göttlich"). Warum?

    Der fehlende Artikel vor dem zweiten "theos":
    Das griechische Wort „theos“ steht drei mal im griechischen Text von Johannes 1, 1-2. Das erste "theos" hat den bestimmten Artikel (wörtlich: "der Gott"). Das Gleiche gilt für das dritte „theos“. Der „Logos“ ist also bei „dem Gott“! Im NT ist "der Gott" (=ho theos) die Identifikation des einen wahren Gottes. Der Logos hingegen wird nicht als „der Gott“, sondern als „theos“ (ohne Artikel) bezeichnet. Da es im Griechischen keinen unbestimmten Artikel gab, hat man die Unbestimmtheit einer Sache ausgedrückt, indem man den Artikel weggelassen hat. Wollte man stattdessen die Bestimmtheit einer Sache ausdrücken, dann hat man den bestimmten Artikel verwendet (siehe Raphael Kühner, "Schulgrammatik der Griechischen Sprache" 1923, Seite 268; August Matthiä, „Ausführliche griechische Grammatik – zweiter Theil“ 3. Auflage 1835, Seite 711; Georg Benedikt Winer, "Grammatik des neutestamentlichen Sprachidioms" 4. Auflage 1836, Seite 115; Walter Bauer, „Das Johannesevangelium“ 1925, Seite 9-10)

    Der Kontext:
    Sowohl im Vers 1, als auch im Vers 2 heißt es "...und das Wort war bei Gott". Natürlich war "das Wort" nicht einfach nur bei sich selbst, sondern bei einem anderen.

    Die Satzstellung:
    In Johannes 1, 1 ist "ho logos" (=das Wort) das Subjekt des Satzes ist, während "theos" (=Gott / ein Gott) als Prädikat dem Satz (und auch dem Verb) vorangestellt wurde. Wenn das Prädikat vor dem Verb steht, wird im NT durch das Prädikat häufig eine Qualität des Subjektes ausgedrückt, oder eine Kategorie genannt, zu welcher das Subjekt zählt. Um das auszudrücken, fügen Übersetzer häufig den unbestimmten Artikel ein (z.B. Johannes 4,19: "ein Prophet"; Johannes 10,1: "ein Dieb"; Johannes 6,70: "ein Teufel" u.a.), nur in Johannes 1, 1 möchten die meisten Übersetzer nicht so vorgehen. Warum nicht? Aus philologischen, oder theologischen Gründen?

    Die Grammatik:
    Gemäß der griechischen Grammatik hat das Subjekt den bestimmten Artikel, während dieser beim Prädikat fehlt, „wenn das Subject des Satzes als etwas Bestimmtes bezeichnet werden soll, und das Prädikats-Substantiv bloß anzeigt, daß das Subject zu der durch das Prädicat bezeichneten Classe überhaupt gehört“ (siehe August Matthiä, „Ausführliche Griechische Grammatik – zweiter Theil“ 3. Auflage 1835, Seite 706). Man übertrage das auf Johannes 1,1, wo „logos“ das Subjekt und „theos“ das Prädikat ist. Welche Übersetzungsart passt dazu?

    Gruß, GMacS
    Leider alles nicht zutreffend, weil Johannes kein Grieche war sondern mosaisch dachte. Maßgeblich ist Genesis 1:2.-4. Elohim Amar/Memrah = Logos. Daher ist der Logos Bestandteil von Elohim/Gottheit, von gleichem (ewigen) Rang wie Elohim Ruah = Pneuma oder Elohim Roeh = Pater. Die dazugehörigen (seit der Schöpfung) Kompetenzen sind Allgegenwart (Ruah), Allmacht (Amar/Memrah), Allwissenheit (Roeh).
  • Hallo!

    Interessanter Weise wirft man den ZJ häufig vor, dass sie Johannes 1,1 theologisch voreingenommen übersetzen würden. Norbert schrieb hier sogar schon mehrfach etwas von „Falschübersetzung“ und „Bibelfälschung“.

    Nun kann man sich ja mal fragen, wie die gängige Übersetzung dieser Textstelle lauten würde, wenn es hier nicht ausgerechnet um Jesus Christus gehen würde. Diesbezüglich ist es interessant, griechische Textstellen zu betrachten, welche sprachlich eine Parallele zu Johannes 1,1 darstellen. Die genauesten (mir bekannten) Parallelen finden sich bei dem Geschichtsschreiber Xenophon - und (ausgerechnet) bei Athanasius.

    Athanasius schrieb über die Arianer, sie würden über Christus sagen: „Der Logos ist ein Geschöpf“! Lustiger Weise hat dieser Satz im griechischen (von Athanasius verfassten Text) exakt die gleiche Syntax wie Johannes 1, 1, denn Athanasius schrieb „ktisma en ho logos“ (Wort-für-Wort: „Geschöpf war der Logos“), so wie Johannes in 1, 1 „theos en ho logos“ (Wort-für-Wort: „Gott war das Wort“) schrieb! Während niemand bezweifelt, dass Athanasius die Arianer im Sinne von „Das Wort war ein Geschöpf“ zitiert, soll der gleiche Satz mit „theos“ stattdessen „das Wort war der Gott“ bedeuten.

    Bei Xenophon findet sich ebenfalls ein interessanter Satz, der völlig unstrittig mit „der Platz war ein Markt“ übersetzt wird. Im Griechischen steht „emporion d' en to korion“ (Wort-für-Wort: „Markt war der Platz“). Auch hier würde niemand mit „Der Platz war der Markt“ übersetzen. Aber in Johannes 1, 1 geht man anders vor, obwohl die Satzstruktur identisch ist. Warum? Weil die Theologie der Übersetzer hier über den biblischen Grundtext gestellt wird.

    Noch einmal: Welche philologischen Argumente sprechen für die traditionelle Übersetzung von Johannes 1, 1?

    Gruß, GMacS
  • Ob der Logos ein "Geschöpf" war, mag für einen spekulativen griechischen Denker eine (oder ohne unbestimmten Artikel) interessante Frage gewesen sein. Für die im TaNaCh beheimateten Apostel war die Frage eindeutig vorher beantwortet. Paulus erwähnte in seiner Rede an die Athener (Apg. 17) nichts davon.