Die Einheit der Christen (der Jünger Jesu) war ein Dringendes Anliegen unseres Erlösers - siehe hohepriesterliches Gebet. Daher muss es eigentlich jedem Gläubigen ein ernstes Anliegen sein.
Die Fragen die sich stellen und eine Antwort finden müssen sind u.a.:
- was ist die von Jesus erbetene Einheit?
- was verhindert diese Einheit?
- wie kann sie gelebt werden um den Willen Gottes zu erfüllen und nicht durch irgendetwas zu verletzen?
Spaltung in der Gemeinde und der Ruf, aus Babylon herauszugehen
Die Bibel enthält zwei Aufrufe, die auf den ersten Blick im Widerspruch zueinander zu stehen scheinen. Auf der einen Seite warnt sie eindringlich vor der Spaltung innerhalb der Gemeinde: Paulus bittet die Korinther flehentlich, eines Sinnes zu sein und keine Parteiungen zu bilden. Auf der anderen Seite ruft die Offenbarung mit lauter Stimme: "Geht aus von ihr, mein Volk" – ein Aufruf zur Trennung, zum Verlassen, zum Sich-Absondern von Babylon.
Wie passt das zusammen? Ist die Bibel hier uneinig mit sich selbst? Die folgende Ausführung zeigt, dass es sich um zwei grundverschiedene Formen des Auseinandergehens handelt – und dass gerade die Unterscheidung zwischen beiden zu den wichtigsten geistlichen Urteilsfragen für eine Gemeinde gehört.
Der Geist der Spaltung in der Gemeinde
Paulus konfrontiert die Gemeinde in Korinth direkt mit ihren Parteiungen: "Ich ermahne euch aber, Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle einmütig seid in eurem Reden und dass keine Spaltungen unter euch sind, sondern dass ihr fest zusammenhaltet in derselben Gesinnung und in derselben Überzeugung. Denn es ist mir bekannt geworden über euch, meine Brüder... dass Streitigkeiten unter euch sind. Ich meine aber dies, dass jeder von euch sagt: Ich gehöre zu Paulus, ich aber zu Apollos, ich aber zu Kephas, ich aber zu Christus" (1. Korinther 1,10-13). Bemerkenswert ist: Selbst die Partei, die sich auf Christus selbst beruft, wird nicht gelobt, sondern in dieselbe Rüge einbezogen. Das Problem ist nicht, wer die "richtige" Partei ist – das Problem ist die Parteibildung selbst.
In 1. Korinther 3,3-4 macht Paulus deutlich, woher solche Spaltungen kommen: "Denn ihr seid noch fleischlich... denn wenn Eifersucht und Streit unter euch sind, seid ihr da nicht fleischlich?" Spaltung wird hier nicht als Zeichen geistlicher Ernsthaftigkeit gedeutet, sondern im Gegenteil als Symptom geistlicher Unreife.
Auch Jakobus führt Streit und Zwietracht auf eine innere Wurzel zurück: "Woher kommen Kämpfe und woher Streitigkeiten unter euch? Nicht daher, aus euren Lüsten, die in euren Gliedern kämpfen?" (Jakobus 4,1). Und Paulus zählt in Galater 5,19-20 "Feindschaft, Streit... Zwietracht, Spaltungen" ausdrücklich zu den "Werken des Fleisches" – im Gegensatz zur "Frucht des Geistes": Liebe, Freude, Friede, Geduld, Sanftmut (Galater 5,22-23).
Diese Spaltung betrifft also Menschen, die demselben Herrn, demselben Evangelium, derselben Taufe angehören. Es geht nicht um eine falsche Lehre oder eine sittliche Verirrung, sondern um Stolz, Eifersucht und selbstsüchtigen Ehrgeiz innerhalb eines im Grunde gesunden Leibes. Genau deshalb wird sie so scharf verurteilt: Die Sünde liegt nicht in der einen oder anderen Überzeugung, sondern im Zerbrechen der Einheit selbst.
Der Ruf, aus Babylon herauszugehen
Ganz anders klingt der Ruf aus der Offenbarung. Nachdem ein Engel verkündet hat: "Gefallen, gefallen ist Babylon, die Große, und ist eine Behausung von Dämonen geworden... denn von dem Wein der Leidenschaft ihrer Hurerei haben alle Nationen getrunken" (Offenbarung 18,2-3), ertönt eine Stimme vom Himmel: "Geht aus von ihr, mein Volk, damit ihr nicht an ihren Sünden teilhabt und damit ihr nicht von ihren Plagen empfangt" (Offenbarung 18,4).
Diese Sprache ist kein Zufall. Sie greift bewusst auf das Alte Testament zurück, wo Israel aufgerufen wird, das buchstäbliche Babylon zu verlassen: "Zieht heraus aus Babel, flieht aus dem Land der Chaldäer" (Jeremia 51,45); "Geht hinaus aus Babel... verkündet dies mit Jubelschall" (Jesaja 48,20). In der Offenbarung wird "Babylon" zu einem Symbol – für ein System der Macht, des Götzendienstes und des ausbeuterischen Reichtums, sei es das Rom der Zeit des Johannes oder, weiter gefasst, jedes korrupte Weltsystem in jeder Zeit.
Der Grund für das Herausgehen ist ausdrücklich moralischer Natur, nicht geografischer: "damit ihr nicht an ihren Sünden teilhabt". Wer in Babylon verstrickt bleibt, teilt sowohl ihre Schuld als auch das kommende Gericht. Paulus verwendet in 2. Korinther 6,17 fast dieselbe Sprache in einem anderen Zusammenhang: "Darum geht aus von ihnen und sondert euch ab, spricht der Herr, und rührt nichts Unreines an." Es geht hier nicht in erster Linie um einen Ortswechsel, sondern um die Verweigerung der Mitschuld – um das Zurückziehen der eigenen Loyalität von einem System, selbst wenn man geografisch mitten darin lebt.
Zwei verschiedene Arten des Auseinandergehens
Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis beider Texte: Die Schrift beschreibt zwei grundverschiedene Formen des Sich-Trennens, keine widersprüchlichen.
Die von Paulus verurteilte Spaltung ist ein Schisma innerhalb eines echten Leibes – Gläubige, die denselben Herrn bekennen, sich aber aus Stolz und Rivalität in Lager aufteilen. Nichts am Gegenstand ihrer Loyalität ist an sich falsch; das Problem ist die Zersplitterung selbst, getrieben vom Fleisch, nicht von einer tatsächlichen Verirrung in Lehre oder Sittlichkeit.
Der Ruf, aus Babylon herauszugehen, beschreibt dagegen etwas kategorial anderes: den Rückzug aus einem System, das sittlich und geistlich verdorben ist – "eine Behausung von Dämonen" (Offenbarung 18,2). Das ist kein Aufruf, einen Streit unter Geschwistern zu verlassen, sondern ein Aufruf, die Mitwirkung an etwas zu beenden, das sich bereits von der Wahrheit abgewandt hat. Dieselbe Logik findet sich in 2. Timotheus 3,5, wo vor Menschen gewarnt wird, die "den Schein der Gottseligkeit haben, aber deren Kraft verleugnen" – "von solchen wende dich ab" –, sowie in 2. Johannes 1,10-11, wo es heißt, einen falschen Lehrer nicht einmal ins Haus aufzunehmen.
Bezeichnenderweise hält die Offenbarung selbst beide Kategorien nebeneinander. In den Sendschreiben an die sieben Gemeinden (Kapitel 2-3) werden manche Gemeinden gerügt, weil sie Verderbnis in den eigenen Reihen duldeten – Pergamon wegen der "Lehre Bileams", Thyatira, weil sie "das Weib Isebel" duldeten, die zur Unzucht verführte (Offenbarung 2,14.20). Diese Gemeinden werden zur Buße gerufen, nicht zur Zersplitterung in weitere Parteien darüber – aber das Verderbliche in ihrer Mitte wird genauso behandelt wie später Babylon: als etwas, das ausgeschieden oder verlassen werden muss, nicht als etwas, mit dem man verhandelt.
Das Unterscheidungskriterium
Die eigentliche geistliche Herausforderung liegt genau hier: Sektiererische Bewegungen haben in der Kirchengeschichte immer wieder gewöhnliche Meinungsverschiedenheiten oder eine ihnen unliebsame Nachbargemeinde als "Babylon" gebrandmarkt, um eine Abspaltung zu rechtfertigen, die in Wahrheit nichts anderes war als die in 1. Korinther verurteilte Zwietracht – nur mit prophetischer Sprache verkleidet. Auch die in Titus 3,10 beschriebene Vorgehensweise – einen zwieträchtigen Menschen zweimal zu ermahnen und sich danach von ihm abzuwenden – zielt auf eine Person, die eine im Kern gesunde Gemeinde destabilisiert, nicht auf eine Blankovollmacht, die Gemeinde selbst wegen strittiger, aber nicht heilsentscheidender Fragen als "Babylon" zu bezeichnen.
Der Prüfstein, den die Texte selbst anbieten, lautet nicht: "Bin ich hier anderer Meinung?", sondern: "Ist hier Götzendienst, Unzucht oder eine Irrlehre am Werk, die die Kraft des Evangeliums leugnet?" Das ist die Grenze zwischen einer Spaltung, die es zu bereuen gilt, und einem Babylon, aus dem man herausgehen muss.
Beide Aufrufe – der gegen die Spaltung und der zum Herausgehen – dienen letztlich demselben Ziel: der Reinheit und Einheit des Volkes Gottes. Die Warnung vor Spaltung schützt die Einheit des Leibes vor der Zerstörung durch Stolz und Eifersucht. Der Ruf, aus Babylon herauszugehen, schützt die Reinheit des Volkes Gottes vor der Verstrickung in ein System, das sich der Wahrheit widersetzt. Wer beide Texte sorgfältig unterscheidet, wird weder aus falscher Härte jede Meinungsverschiedenheit zum Kirchenspaltungsfall erklären, noch aus falscher Milde ernsthafte Verderbnis als bloße "Meinungsverschiedenheit" verharmlosen.