Versöhnung - was bedeutet das?

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  • Schaut man sich dieses deutsche Wort genau an, dann könnte man meinen, dass es sich hier um Adoption handelt: VerSOHNung - jemand wird zum Sohn gemacht. Auch wenn diese Deutung im erweiterten Sinn korrekt sein mag, so ist sie etymologisch - also von der Sprachherkunft - nicht korrekt. Versöhnung kommt nicht von "Sohn" sondern "Sühne".

    Schaut man sich die hebräische Wortbedeutung von "versöhnen" im Alten Testament an, dann merkt man auch hier sehr schnell, dass es sich dort ebenso um keine Adoption handelt. Die erste Bibelstelle, an der das Wort "versöhnen" auftaucht, findet man in 1. Mose 32,21 (ELB):

    Bibelstelle

    21 und [ihr] sollt sagen: "Siehe, dein Knecht Jakob ist selbst hinter uns." Denn er sagte sich: Ich will ihn versöhnen durch das Geschenk, das vor mir hergeht, danach erst will ich sein Gesicht sehen; vielleicht wird er mich annehmen.


    Dem Leser der Bibel wird hier das erste Mal erklärt (wenn er denn vorne anfängt die Bibel zu lesen), was Versöhnung bedeutet: Jakob und Esau bewegen sich aufeinander zu: Der eine in friedlicher, knechtischer Absicht - die Absicht des anderen bleibt zunächst unklar. Jakob will die gestörte Beziehung zu seinen Bruder Esau wiederherstellen. Er will, dass Esaus grimmiges Gesicht "bedeckt" wird. In der Anmerkung der Elberfelder Übersetzung steht als Fußnote, dass "versöhnen" auch "bedecken" heißt. Dies ist wirklich eine plastische Beschreibung von dem, was sich Jakob wünscht: Der Zorn seines Bruder soll in seinen Gesicht nicht mehr sichtbar sein! Das menschliche Gesicht, d.h. seine Mimik und Gestig, offenbart viel über den Gemütszustand eines Menschen. Dass sich Jakob nur eine äußerliche, oberflächliche Änderung des Gemütsstandes seinen Bruders wünscht, ist wohl unwahrscheinlich - Esau ist eine "ehrliche Haut" und ein temperamentvoller Typ - und sicher kein Schauspieler, der gerne "Gute Miene zum bösen Spiel" macht. Man beachte einfach seine Vorgeschichte! Immer ehrlich! Immer konsequent! Aber leider nicht auf Gottes Wegen unterwegs!

    Wenn diese Geschichte die erste grundlegende Definition von Versöhnung ist, dann sollte folgendes festgehalten werden: Zwei Personen bewegen sich aufeinander zu. Die eine bietet sich als Knecht an, denn sie steht in der Schuld des Anderen. Der Herzenswunsch dieser Person ist: Den Zorn "zudecken" um die Beziehung wiederherzustellen. Dafür ist sie bereit ihren Besitz aufzugeben sich selbst in die Knechtschaft ihres Gegenübers zu begeben.

    Das "Zudecken" beschreibt im Alten Testament auch weitergin sehr plastisch was damit gemeint ist. Am großen Versöhnungstag - oder sollte man sagen: Am großen "Zudecktag" - fand genau diese Handlung des Zudeckens im Heiligtum statt (3. Mose 16). Mit dem Blut des Widders wurde das Blut der täglichen Opfertiere "überdeckt". Die Bibel nennt dies auch Reinigung - auch wenn wir uns darunter etwas anderes vorstellen. Wenn wir etwas reinigen, dann staubsaugen wir, fegen wir, wischen wir usw., aber wir decken den Schmutz nicht einfach zu! Wir kehren ihn nicht unter den Teppich! Und dennoch: Das Heiligtum wurde am großen Versöhnungstag "überstrichen", d.h. es wurde neues Blut auf das alte Blut appliziert. Was hier kultisch geschah, hatte einen tieferen, symbolischen Sinn: Das "sündhafte" Blut des täglichen Opfers sollte durch das "sündlose" Blut des Widders einmal im Jahr überdeckt werden. Der reine, ursprüngliche Zustand des Heiligtums sollte wiederhergestellt werden. Wenn man das Heiligtum wie ein "Sündenarchiv" betrachtet, könnte man auch sagen, dass die Sünden im Buch des Lebens durch ein sündloses Leben "überschrieben" werden. Welch faszinierende Parallele zur modernen Festplatte! Wenn man dort Dateien löscht, dann werden die entsprechenden Bereiche auf der Festplatte lediglich zum überschreiben neuer Daten freigegeben! Die gelöschten Daten lassen sich auch vom Laien recht einfach wiederherstellen mit entsprechender Software. Möchte man aber ganz sicher gehen, dass die Daten weg sind, dann muss man sie aktiv überschreiben lassen von einer speziellen Software! (An die IT-Profis: Wenn ich hier falsch liege, dann korrigiert mich bitte!)

    Ich denke, es gibt noch sehr viel zum großen Versöhnungstag zusagen, aber ich möchte es nun dabei belassen und mich der "Versöhnung" im Neuen Testament widmen. Es ist im Unterschied zum Alten Testament bekanntlich in Griechisch geschrieben. Zu meiner Überraschung hat das Wort "versöhnen" im ursprünglichen, griechischen Sinn scheinbar eine andere Bedeutung als im Hebräischen. "Versöhnen" bedeutet nun ein einvernehmliches "austauschen" oder "auswechseln". Es wird etwas ge- oder vertauscht, und nicht bedeckt! Der sonst so abstrakte Begriff "Versöhnung" wird nun auch im Griechischen ganz plastisch! Ich habe mir erlaubt, die nachfolgenden NT-Verse in diesem Sinne wiederzugeben:

    Römer 5,10.11 (ELB)

    Bibelstelle

    10 Denn wenn wir, als wir Feinde waren, mit Gott ausgetauscht wurden durch den Tod seines Sohnes, so werden wir viel mehr, da wir ausgetauscht sind, durch sein Leben gerettet werden. 11 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt den Austausch empfangen haben.


    Dieser "Austausch" bezieht sich auf das Kreuz: Nicht wir starben, sondern Jesus! Jesus nahm unsere Stelle ein - aber wir auch seine! Sind wir uns dessen bewusst? Durch diesen Austausch haben wir also unser Todesurteil gegen die Gottessohnschaft ausgetauscht! Dieser Tausch ist Gottes Gottes Gnade!

    In 2. Korinther 5,18-20 (ELB) steht "wörtlich":

    Bibelstelle

    18 Alles aber von Gott, der uns mit sich selbst ausgetauscht hat durch Christus und uns den Dienst des Austausches gegeben hat, 19 nämlich dass Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst austauschte, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnete und in uns das Wort von des Austausches gelegt hat. 20 So sind wir nun Gesandte an Christi Statt, indem Gott gleichsam durch uns ermahnt; wir bitten für Christus: Lasst euch austauschen mit Gott!


    Zugegeben, Vers 19 ist nun etwas schwieriger zu verstehen, jedoch wird in Vers 18 und 20 das Stellvertretungsprinzip noch deutlicher! Wie man sieht, ist diese Stellvertretung aber keine einseitige Angelegenheit! Wir, die wir ausgetauscht wurden, befinden uns nun in der Stellung Jesu als Gesandte Gottes, die anderen Menschen diese Auswechslung anbieten sollen: "Lasst euch austauschen mit Gott!" Lass Gott dein Stellvertreter sein - sowohl am Kreuz als auch in deinem Leben!

    Ich finde es wunderbar, wie die Bibel - oder besser gesagt Gott selber - es schafft, mit so zwei unterschiedlichen Worten wie "bedecken" im AT und "austauschen" im NT ein und dasselbe beschreibt: Die Vergebung der Sünde, welche den Weg zur Heiligung (d.h. immer mehr das Leben leben, welches Jesus lebte) frei macht!
    Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?

    Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt!

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Kommentare 1

  • Ines. -

    Hallo Bemo,
    ich danke dir für diesen betrachtungswürdigen Beitrag. Sehr gut gefiel mir, wie du die tiefere Bedeutung der Versöhnung nahegelegt hast.
    Lieben Gruß
    Ines