Der seelische Torso

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  • Die kleine Robin saß auf dem Stuhl im Wartezimmer und blickte ziellos umher, während ihr Oberkörper unruhig vor und zurück schwankte und sie ihre zarten Finger wie Zangen in den stählernen Rahmen ihres Sitzes presste, bis ihre Kuppen fast taub wurden. Es war so unglaublich langweilig, diese Warterei. Sie wusste, dass man da drinnen über sie sprach, eben wegen dieser Unruhe. Die Förderpersonen hatten einen Namen dafür: AD... ach sie wusste es nicht mehr. Ihre Gedanken drehten sich, als würde einer den anderen verfolgen, um ihn schließlich abzuschalten. Irgendwo hatte sie mal aufgeschnappt, dass die Förderpersonen früher Lehrer geheißen hatten, aber das war schon lange her. Lehrer... komisches Wort! Robin wusste nicht, was Lehren bedeutet, sie hatte nur mal davon gelesen. Sie kannte nur Fördern, das hatten sie ihr in den Förderungsgrundkursen eingetrichtert, bis sie keinen klaren Gedanken mehr hatte fassen können. Diese verdammte Unruhe in ihrem Innenraum!! Irgendetwas schien gegen die Wände in ihrem Inneren zu hämmern, als ob es heraus wollte. Sie hatte mal gelesen, dass man den Innenraum früher als Seele bezeichnet hatte. Sie fand das Wort irgendwie schön... SEELE. Aber als sie es mal in den Entfaltungsstunden gesagt hatte, war sie von der Förderungsperson 22 sehr strikt korrigiert worden: "Es benutzt das Wort Seele nicht mehr, sonst kommt Es in den Verständnisraum!", hatte 22 gesagt. Sie hatte das Wort nie wieder benutzt, denn sie wollte auf gar keinen Fall in den Verständnisraum, er war grässlich! Es war ein grauer Raum, an dessen einer Wand die Verständnistexte standen. Diese musste man sich stundenlang durchlesen, bevor man wieder herausgelassen wurde. Es diente, wie die Förderer sagten:"Zum Verständnis der Förderung, und zur Förderung des Verständnisses". Ein grässlicher Raum, wirklich grässlich! Deshalb war sie still gewesen. Aber in ihrem Denkapparat spielte sie weiter oft mit diesem schönen Wort: Seele, Seele, ein schönes Wort; wobei es nicht ganz stimmte, dass Seele der Innenraum war, denn sie hatte gelesen, dass die Seele wohl etwas sein sollte, was im Innenraum drin ist, ein Leben im Innenraum oder so. Hach, ihr Oberarm juckte wieder so stark, dort, wo sie ihren Chip hatte. Sie kratzte. Die Bezugsperson 1 hatte ihr gesagt, sie solle nicht kratzen, aber manchmal ging es einfach nicht anders. Es brannte so sehr, vor allem in jenen Momenten, wo sie so intensiv über ihren Innenraum nachdachte. Was sollte sie nur tun? Sie brauchte unbedingt Beschäftigung! Man hatte ihr gesagt, sie solle still sitzen bleiben und warten, aber nach 2 Minuten war das fast unerträglich geworden. Sie blickte zur Tür, bohrte ihre hellen Augen in das kalte Resopal mit der Aufschrift "Gesprächszimmer für Bezugspersonen". Ihre Füße schaukelten ungeduldig hin und her, als hätte ihre Langeweile einen eigenen Jingle. Sie wollte zur Tür gehen und lauschen, alles in ihrem Innenraum schrie danach. Aber wenn sie dann rauskämen? Dann müsste sie bestimmt wieder in den Verständnisraum. Das wollte sie nicht, auf keinen Fall!! Der Raum war grässlich! Sie drückte ihr Gesäß in die Sitzfläche und presste die Lippen zusammen, den Blick starr zu Boden gerichtet, nur um kurz darauf wieder zur Tür zu schauen. Sie schien sie magisch anzuziehen. Nur mal ganz kurz, dachte sie. Sie schob ihr Becken langsam zum Sitzrand vor, während eine Mischung aus Kribbeln und Bauchschmerzen in ihrem Innenraum zu zirkulieren begann.
    "Hooch!", zischte sie und stieß den Hintern so stark in den Stuhl zurück, dass ihr Steiß gegen die Unterkante der Rückenlehne gerammt wurde. "Uhh!", quiekte sie hinterher. Jetzt hörte sie sich schon an wie Bezugsperson 1, wenn diese die Haushaltsaufgaben erledigte. Sie rieb sich die schmerzende Stelle. Sie hatte mal gelesen, dass die Bezugspersonen früher Mama und Papa genannt wurden, aber das sagte man heute nicht mehr, weil es den Begriff Familie fördern würde. Sie hatte keine Ahnung, was das war, darüber hatte sie bisher noch nichts gelesen. Aber sie fand, dass sie bestimmt schon mehr las als die anderen Vierjährigen. Zwar las sie in letzter Zeit hauptsächlich die "Nicht verständnisfördernden Texte" (sie hatte sie in einer alten Kiste auf dem Dachboden gefunden), aber immerhin.
    Sie wollte zur Tür! Alles in ihrem Innenraum drängte sie dahin. Sie wollte hören, was sie redeten. Sie sprachen über sie, sie wollte es hören, nur um irgendetwas über sich zu hören. Es tat weh, aber nicht an ihrem Gesäß, sondern im Innenraum. Irgendwas tat weh. Manchmal hatte sie das. Sie hatte auch schon mal Bauchschmerzen gehabt, aber das war es nicht, es war etwas anderes. Irgendwas in ihrem Innenraum. Ach, warum kam das jetzt schon wieder?! Alles spielte verrückt. Sie starrte die Tür an. Sie versuchte nicht zu atmen, um zumindest ein paar Worte zu vernehmen, aber es hatte keinen Zweck. Sie würde hingehen müssen. Mach jetzt, tönte eine Stimme in ihrem Kopf, die nicht ihre eigene zu sein schien. Während ihr Eigenwille mit ihrer Gehorsamspflicht in Diskussion trat, rutschte ihr Körper wie ferngesteuert vom Stuhl herunter, und kaum, dass sie festen Boden unter ihren kleinen Sohlen spürte, erlosch der aufflammende Streit in ihrem Kopf. Alles war vollkommen still. Die Erwartung versteinerte sie und drückte sie regelrecht in den Boden. Sie fühlte sich plötzlich hundert Kilo schwerer und streckte die Arme leicht von sich, als müsste sie ihr Gleichgewicht auf einem dünnen Balken ausbalancieren. Langsam wog sie ihren zierlichen Körper in dem ausdruckslosen Raum. Es gab hier nichts, außer den fünf Stühlen aus mattem Stahl. Vor ihr ruhte eine verglaste Tür in ihrem Rahmen, die auf den Korridor führte. Niemand war auf dem Gang. Rechts neben ihr befand sich die ersehnte Tür. Mit langen, bedächtigen Schritten trat Robin auf sie zu, als müsse sie scharfen Tretminen ausweichen. Gespannt streckte sie ihren Kopf der Tür entgegen, stets bereit, mit einem großen Satz wieder auf den Stuhl zu springen. Sie hörte nichts, verdammt! Sie legte ihre schweißfeuchten Handflächen an den Rahmen und beugte sich vor, bis ihre Ohrmuschel die kühle Oberfläche berührte. Sie hielt den Atem an... nichts, da war nichts. Wie konnte das sein? Hatten sie es bemerkt und schwiegen deshalb? Sie wartete, rechnete jeden Augenblick damit, dass die Tür aufgerissen wurde. Ihr Herz hämmerte, als würde jemand in einem leeren Zimmer auf den Fußboden stampfen. Einen Augenblick fürchtete sie, man könnte es drinnen hören. Doch da war nichts! Es herrschte Stille, nur die Deckenleuchten summten vor sich hin. Sollte sie reinschauen? Ihre Augen wanderten über die silbrige Türklinke. Sie würde es einfach tun, sie musste, sie musste wissen, was los war. Irgendetwas stimmte nicht. Wenn etwas passiert war mit ihren Bezugspersonen! Sie empfand ein starkes Bezugsgefühl zu ihnen. Sie hatte mal gehört, dass dies früher Liebe genannt wurde, auch so ein schönes Wort. Das hatte sie aber nicht gelesen, sondern nur gehört. Sie hatte noch nichts lesbares dazu gefunden. Liebe, Liebe... Sie legte die Hand auf die Klinke und drückte sie vorsichtig nach unten. Mit einem leisen Klicken öffnete sich die Tür und gab langsam den Blick in den Raum frei: Leer! Hier war niemand. Robin atmete ruckartig ein...
    Nummer 315 öffnete die Augen. Das Bewusstsein verarbeitete das Gesehene. Alles war intakt! Es war nur ein Traum gewesen. Das kam manchmal vor. Die Verschaltung zwischen den organischen und den technologischen Elementen war noch nicht vollkommen ausgereift, aber sie arbeiteten daran. Es konnte gelegentlich zu sogenannten Nostalgischen Einspielern kommen. Sicher, es störte den Betriebsablauf. Der Rechner musste die Einspieler aus den organischen Elementen herausfiltern und löschen, das dauerte immer einen Augenblick. Meist reichte es aus, die zentralen Worte oder Bilder zu löschen, an die die Gedankenprozesse geknüpft waren. Der Rechner leitete sofort die Filterung ein:
    Seele, Mama, Papa... die Daten wurden aufgelistet. Das Wort Familie wurde sicherheitshalber ebenfalls gefiltert, auch wenn 315 im Einspieler keine Anzeichen dafür aufwies, dieses Wort zu kennen und damit Gedankenprozesse zu verbinden. Die letzten Lettern wurden registriert:
    L-I-E-B-E... Löschen!
    Ein kurzes Blitzen im Bewusstsein, es tat nicht weh. Alles war intakt.
    denn er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn.
    (Hebräer 11,27b)

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